Die Ideologie des Tourismus

Der Kampf gegen den Tourismus ist gleichzeitig ein Kampf gegen die bürgerlichen Werte, welche die Grundlage für den modernen Kapitalismus sind.

ICH LIEBE DEN KAPITALISMUS

(…)
Weil jeder von uns Teil sein möchte der
sanftmütigen Bourgeousie,
Hypothekensklave
angehörig der Religion des Individualismus der Besitzenden,
weil niemand etwas Anderes sein möchte,
niemand mit sich selbst kämpfen will
weil
wenn der Tag kommt, an dem wir anfangen mit uns selbst zu kämpfen,
an diesem Tag
wird der Mittelstand
brennen.

Antonio Orihuela

Autor: Antoni Pallicer Mateu
Übersetzer: Katherine

Der Wachstum des Tourismus wie wir ihn kennen ist verbunden mit der Expansion und Festigung der sogenannten Mittelklasse unserer Gesellschaft. Erst nach dem zweiten Weltkrieg und dem Entstehen des sogenannten Sozialstaates begann das explosionsartige Wachstum der Tourismusindustrie. Deswegen waren die Staaten, die als erstes die neue soziale und ökonomische Struktur entwickelten (Schweden, GB, Deutschland, etc.), diejenigen aus denen massenhaft Touristen kamen um die neuen Hotelkomplexe zu nutzen.

Familie «made in Kapitalismus»

Innerhalb der Forschungen von Ivan Murray und Joan Buades zeigt sich, dass die erste Tourismusexpansion im alten Europa politisch sowie ökonomisch durch die USA gesteuert wurde. Im spanischen Staat, zum Beispiel, ermunterte diese Steuerung und die damit einhergehenden Richtlinien (Wirtschaftsstabilisierungsplan) den Francoismus dazu den Tourismus als einen wichtigen Wirtschaftsfaktor zu nutzen. In den 60er Jahren besuchen bereits Millionen Touristen die Küsten des faschistischen Spaniens. Im Widerspruch dazu beginnt zu dieser Zeit auch die große Auswanderung von spanischen BürgerInnen in andere europäische Länder, die Herkunftsländer der Touristen (1.066.440 Spanier emigrieren in andere europäische Länder zwischen 1959 und 1973, gemäß offiziellen Daten des spanischen Institut für die Auswanderung (IEE)) Außerdem nimmt in diesem Jahrzehnt die sogenannte Landflucht in die spanischen Städte aber auch in die neuen touristischen Bereiche der Mittelmeerküste enorm zu (zwischen 1961 und 1965 verlassen fast 2 Millionen Menschen ihre Dörfer1).

Die Tatsache der wachsenden Tourismusindustrie und der Festigung der Konsumgesellschaft entwickelte sich nicht zufällig parallel zu der Landflucht und der Verschiebung der Arbeiterklasse in die Mittelschicht. Heutzutage ist häufig die Rede von dem Abstieg des Mittelstandes aufgrund der Wirtschaftskrise. Was jedoch nicht diskutiert wird, ist das Wertesystem, welches sich diese Klasse angeeignet hat und die Grundlage für den modernen Kapitalismus bildet, an dessen industrieller Spitze die Tourismusindustrie steht.

Die Tatsache der wachsenden Tourismusindustrie und der Festigung der Konsumgesellschaft entwickelte sich nicht zufällig parallel zu der Landflucht und der Verschiebung der Arbeiterklasse in die Mittelschicht

Die Ideologie des zeitgenössischen Mittelstandes besteht grob gesehen aus den Werten des unbedeutenden Bürgertums in den frühen Jahren der industriellen Revolution (Eigentumsrecht, Sicherheit, Hingabe dem Fortschritt, Verwerfung des Kollektivismus usw.). Weitere Charakterzüge der Mittelständischen entstanden als Folge des Traumas des zweiten Weltkrieges und dem folgenden Kampf um eine neue Weltordnung zwischen den USA einerseits und der UdSSR andererseits. Der Westblock (in dem der Massentourismus entsteht) nimmt eine sozial-demokratische Position nach Keynes ein, was von der politischen Elite als vorteilhaft angesehen wird, um die Wirtschaft voranzutreiben und die revolutionären Kräfte klein zu halten. Während dieser Jahre erhält die Arbeiterklasse wirtschaftliche Vergünstigungen und soziale Aufbesserungen, wie zum Beispiel bezahlte Urlaube. Diese Aufbesserung des sozialen Status2 musste mit einer gesteuerten Veränderung des Wertesystems einhergehen um im Größeren der Expansion des Kapitalismus zu dienen. Die Massenmedienindustrie nahm sich dieser Veränderung an und wuchs enorm. Das Fernsehen, der Stern des Propagandasystems, verbreitete die angeblichen Vorteile die die Konsumgesellschaft und ihre Ideologie zu bieten hätten. Deshalb hat dich die Arbeiterklasse in einen euphorischen Mittelstand verwandelt und die Zahlen von Urlauben erhöht.

Natürlich ist es schwierig das vom System konstruierte Bedürfnis des Entfliehens und Verreisens zu bekämpfen, da wir selbst dieses Bedürfnis verinnerlicht haben

Die Gesellschaft vermittelt das Gefühl Tourismus als eine lebenswichtige Notwendigkeit zu empfinden. In einer überwiegend urbanen, individualistischen Gesellschaft, in der die Menschen entfremdeter Arbeit (Montagebänder,Büros,Dienstleistungen) unterliegen, gelangweilt auf der Suche nach dem Sinn ihrer Existenz, unter ständigem Druck alles genießen zu müssen, dauerhaft konfrontiert mit ihren kindlichen Wünschen nach mehr Konsum, brauchen sie einen Weg ihrer Wirklichkeit zu entfliehen. Und was ist besser als einige Tage in eine aus dutzenden Angeboten gewählte,künstliche Realität auszubrechen, die der Tourismussektor konstruiert hat. Heutzutage kann der Ausbrechende wählen zwischen dem Hotelaufenthalt am Mittelmeer oder an einem exotischeren Zielort wie der Karibik oder dem chinesischem Meer.

Andererseits hat der Kapitalismus ein exklusives Angebot geschaffen für die vielfältigen Bedürfnisse der Ausbrechenden: gastronomisch, kulturell, abenteuerlich, entspannend, ländlich, sportlich, sexuell, Party, Natur usw.

Trotz alldem ist es dringend notwendig anzufangen diesen Tourismus zu bekämpfen. Wir können die Menschen nicht dazu zwingen aufzuhören zu reisen, aufzuhören auszubrechen, aber was können wir tun, dass sie den Tourismus hinterfragen?

«Wir lieben dieses Land, weil es von Tag zu Tag mehr aussieht wie überall» Das System gleicht Gedanken und Landschaften seinem Standard an.

Zuerst, macht sie aufmerksam auf die zerstörerischen Auswirkungen auf die Natur und die einheimische Bevölkerung, die diese Industrie mit sich zieht. Die Menschen müssen ernsthaft über diese Probleme nachdenken. Wenn wir anfangen die Situation zu hinterfragen, kommen wir zu dem Schluss, dass das Privileg zu verreisen ein Luxusgut3 ist und lediglich 25 % der Weltbevölkerung dieses genießen können. Und all das geschieht, während Völkerwanderungen (bedingt durch Krieg, Zerstörung und Klimawandel) enorm zunehmen. Vielleicht werden sie die geschehende Umweltzerstörung und die Kulturzerstörung erkennen.

Wie können wir also schließlich dem Bedürfnis auszubrechen und die Angebote der Tourismusindustrie zu konsumieren entgegen wirken ?

Von Anfang an müssen wir das individualistische Wertesystem und die Ideologie4, die der sogenannten Mittelschicht eingetrichtert wurden, bekämpfen. Anstatt des „Eigentümerindiviualismus“ müssen wir Angebote des Gemeinschaftslebens schaffen (Solidarität, Stärkung der Selbstbestimmung, Unterstützung etc.), Zusammenarbeit anstatt Wettbewerb und Konkurrenz, Selbstverwaltung anstatt abhängigem Konsum, der Mensch im Gegensatz zur Masse, die Verantwortung gegen die kindliche Mentalität, ländliches Leben gegen urbanes, internationale Solidarität gegen bürgerliches Provinzlertum, individuelle Kultur gegen globalisierten, unerfahrenen Massenkult, der Kampf gegen die Teilnahmslosigkeit etc.

Also, wie der Dichter schreibt:

wenn der Tag kommt, an dem wir anfangen mit uns selbst zu kämpfen,
an diesem Tag
wird der Mittelstand
brennen.


1 Capel, H. (1967). Los estudios acerca de las migraciones interiores en España. Revista de Geografía, I, 1, pp. 79-101.

2 Außerhalb dieses Wertesystemes hätte die soziale Aufbesserung andersdenkenden Menschen die Möglichkeit geboten, sich gegen den Kapitalismus zu stärken und für ihr eigene Mündigkeit zu kämpfen.

3 Dank des Öles können Menschen schnell von einem Ort zum Anderen kommen und gehen.

4 Biagini, C. (2012). La ideologia del adosado. Ekintza Zuzena, número 39.